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Axel-Matyba

27531...so stand es am Tag danach, am Montag, den 7.11.16, in der Sonderausgabe der NEW YORK TIMES. Mein Platz unter den rund 50.000 Teilnehmer_innen des Marathonlaufes. Mit meinen gut 4 Stunden und 36 Minuten war ich zwar nur halb so schnell wie G. Ghebreslassie, der 20jährige Sieger aus Eritrea. Aber was soll `s. Ich war dabei, bei DEM Marathonlauf und ich habe es geschafft. Gefeiert wurden wir stürmisch in dieser Stadt, die niemals schläft – und die sich auch gerne selbst feiert: You are great! You did a phantastic job! We are proud of you! Brooklyn loves you all. Plakate, aufmunternde Rufe, Schulterklopfen. Die von uns, die am Sonntagabend noch auf müden Beinen durch die Straßen schlichen und dabei stolz ihre Medaille um den Hals trugen, wurden von wildfremden Menschen angesprochen und beglückwünscht. Solche „warmen Wort – Duschen“ ließen uns auch 24 Stunden später noch euphorisiert den Broadway entlang ziehen. Dir werden am Ende mehr die Ohren vom ganzen Gejubele weh tun als die Beine vom Laufen – hatte mir jemand erzählt. Na, da übertreiben „unsere amerikanischen Freunde“ mal wieder, dachte ich mir. Aber die Stimmung ist ein Wahnsinn und übertraf alles, was ich mir vorstellen konnte.

 Schon Tage zuvor liefen immer wieder kleine Gruppen – oft mit ihren Nationalflaggen – zu letzten, kleinen Trainingsläufen durch die Stadt und wurden bejubelt. Mehr als 120 Nationen sind am Ende vor Ort. Am Sonntag, unserem Lauftag, ging es dann um 6.00 Uhr mit dem Bus ab Hotel los. Eine endlose Schlange von Bussen, die uns nach Staten Island karrten. Ein riesiges Camp mit blauen, orangenen und grünen Bereichen. Mit dem Farbaufdruck neben meiner Startnummer hatte ich am Samstag erfahren, in welchen Bereich ich zu gehen hatte – das blaue Teilcamp. Alles ist genauestens geplant, hervorragend organisiert und das immer alles in gelöster Stimmung. Im Camp gibt es dann kurz nach sieben erst einmal Bagels, Kaffee und Tee und mäßig schmeckende Power-Kraft-Riegel. Und dann eine Endlosschleife mit Instruktionen – auf Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Was ich wann tun soll, wo ich wann zu sein habe: Welle drei von vier im blauen Bereich. In meinen abgezäunten Bereich darf ich ab 9.45 Uhr, um 10.15 Uhr wird der Bereich gesperrt – wer zu spät kommt muss in der nächsten Welle starten. Jetzt noch einmal auf Toilette – sagt die Endlos-Stimme doch, wer auf der Startbrücke pinkelt, kann disqualifiziert werden. Die alten Kleider, die ich mit hatte, um beim Warten auf den Start nicht zu frieren, konnte ich in spezielle „Gift-Boxes“ werfen. Sie kommen Bedürftigen zugute. Dann 10.35 Uhr: Unsere Schlange setzt sich in Bewegung, zunächst knapp 10 Minuten Schritt für Schritt durch einen Zick-Zack-Weg geparkter Busse. Dann die überschwängliche Begrüßung im Startbereich: New York scheint nur auf UNS gewartet zu haben. Dann die US-Hymne, gesungen von einer sagenhaft schönen Stimme, anschließend Sinatras NEW YORK, NEW YORK. Gänsehaut pur. Atemlose Stille, dann grenzenloser Jubel; da flossen nicht wenige Tränen. Und dann geht es endlich los. Der Anstieg auf die Verrazano-Narrows Bridge. Einige Dutzend Höhenmeter gleich am Anfang. Lass es nur ruhig angehen – hatte ich immer wieder gehört. Versuche ich auch – und genieße den sagenhaften Blick auf Manhattan und den Atlantik. Trotzdem nach wenigen Metern elendes Seitenstechen. Nur das nicht. Doch! Nach den zahlreichen Alpträumen der letzten Nächte, die wie die schweren Beine davon „sprechen“, dass ich es nicht packe, jetzt das. Nur nicht panisch werden. Ruhig den Rhythmus finden. Und das klappt gut – nicht zuletzt weil mit dem Verlassen der Brücke der „Jubel-Marathon“ richtig losgeht. Frenetisch werden wir wieder und  immer wieder angefeuert. Da wird geschrieen, da wird getanzt, da jubeln die Polizisten am Straßenrand genauso wie die Feuerwehrleute. Da gibt es Unmengen selbstgemalter Plakate, da ruft uns ein Prediger am Straßenrand zum Lauf zu Gott auf, da stehen Chöre an der Laufstrecke – unzählige Bands und Trommler säumen den Weg, leiser wird es eigentlich nur auf den weitgehend gesperrten Brücken, die wir auf dem Lauf durch die fünf Stadtteile New Yorks passieren. Das Heer der Helfer_innen reicht regelmäßig Wasser und Energy-Drinks. Aber auch zwischendurch werden uns Kekse, Bonbons und Bananen von Zuschauer_innen zugesteckt. Kinder mit strahlenden Augen wollen abgeklatscht werden – und „bewirken“ bei mir mehr als mancher Drink. Und manchmal lässt die Begeisterung auf beiden Straßenseiten nur einen kleinen Durchgang für das Feld. Sei es drum. Das alles trägt. Bei Kilometer 10 und auch bei Kilometer 20, ja sogar bei Kilometer 30 hält die Euphorie. Das schaffst Du heute – bin ich mir sicher und denke mir schon weitere Läufe aus, vielleicht ja mal mit unserer Tochter. Leider nur bis rund Kilometer 32. Plötzlich werden die Beine immer schwerer, die Wege von einer Verpflegungsstation zur nächsten immer länger; ob die vielleicht das kommende Streckenschild vergessen haben oder ich es vielleicht übersehen habe. Leider nicht. Ich werde langsamer und langsamer. Nur nicht stehenbleiben! Nur nicht zu stark mit denen fühlen, die mit ihren Krämpfen kämpfen. Der Lauf wird einsam, der Jubel rauscht jetzt eher an einem vorbei. Aufgefordert zu einem kleinen Tänzchen, muss ich zwar schmunzeln aber trotte lieber weiter. Ein letzter mühsamer flacher Anstieg in Manhattan, ich zähle Straßennummern und Ampeln, sage mir immer wieder die aufmunternden Worte unserer Tochter auf – Papa, ich glaube, du wirst das schaffen! – und komme auch ins Ziel. Ob die das etwa verlegt hatten – frage ich mich, hatten wir doch in einem Trainingslauf den Zielbereich erlaufen – und jetzt schien er mir soooooo weit weg im Central Park. Und auch die Wege hinter der Ziellinie bis zur erlösenden heißen Dusche in Hotel sind trotz aller Verpflegungsbeutel und all der lieben Worte elend lang. ABER ICH HABE ES GESCHAFFT UND DER STOLZ WÄCHST STÜNDLICH :)

 Ich danke Ihnen und Euch, die mich auf vielfältige Weise unterstützt haben!

 Die erlaufenen Gelder gehen in je ein Dialogprojekt in Hamburg und eines in New York. In Hamburg möchte ich die „Dialoge auf der Baustelle“ weiter fördern, die den Umbau der ehemaligen evangelischen Kapernaum-Kirche in die Al-Nour-Moschee begleiten. In New York haben sich viele interessante Gespräche mit christlichen und muslimischen Gesprächspartner_innen ergeben. Gerade in zivilgesellschaftlichen Fragen gibt es eine enge Zusammenarbeit. Die zweite Hälfte des Geldes wird in ein von einer muslimischen Organisation betriebenes Frauenhaus fließen, in dem bedrängte und gequälte Frauen begleitet werden – und zwar in enger interreligiöser Kooperation.

Der interreligiöse Dialog in den USA muss noch weiter intensiviert werden, das betonten meine Gesprächspartner_innen in ihren Mails nach dem Wahltag, der auch viele amerikanische Muslime geschockt hat. Und auch in Hamburg nimmt die Infragestellung des christlich-islamischen Dialogs gerade in den letzten Monaten leider stark zu. Ein langer Atem wird also nicht nur beim Laufen benötigt...

 13.11.16 Axel Matyba

08.12.2016
 
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